Trump verachtet Europa.
US-Präsident Trump zeigte erneut beim World Economic Forum (WEF) in Davos, wie er mit Bündnispartnern umspringt, wie verächtlich er die europäischen NATO-Partner behandelt, ganz im Gegensatz zu seinem Verhalten gegenüber Russland oder China. *1) **)
1. Trumps Umgang mit Dänemark und Grönland.
In seiner Rede vor dem WEF überging Trump den Artikel 5 des NATO-Vertrags, in dem es heißt: „Die Parteien vereinbaren, daß ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird“. Statt dessen teilte Trump den NATO-Bündnispartnern mit, dass jeder einzelne NATO-Partner fähig zu sein habe, das eigene Territorium zu verteidigen. Eine absurde Sicht auf das NATO-Bündnis: Wie sollten etwa die Baltischen Länder fähig sein, sich ohne das Bündnis gegen Russland zu verteidigen?
Weiterhin überging Trump in seiner Rede, dass Grönland völkerrechtlich zu Dänemark gehört, seit 2009 über ein eigenes Parlament und über weitgehende innenpolitische Autonomie-Rechte verfügt.
Indem Trump den NATO-Grundsatz des Artikels 5 und die völkerrechtliche Zugehörigkeit Grönlands beiseite schiebt, tischte er als Tatsache auf: „Außer den USA sei kein Land oder keine Gruppe von Ländern in der Lage, Grönland zu verteidigen. Grönland befinde sich als riesiges, fast gänzlich unbewohntes, unentwickeltes und nicht verteidigtes Territorium in strategischer Schlüsselposition zwischen den USA, Russland und China … Wir benötigen es für die strategische nationale und internationale Sicherheit … Und sie (RS: Trump meint Dänemark und die europäischen NATO-Partner) wollen es nicht hergeben. Somit haben sie die Wahl. Sie können ´Ja` sagen, was wir sehr schätzen würden, oder sie können ´Nein` sagen, und wir werden uns daran erinnern.“ *1) Seitens Trump ein mehr als zweifelhafter Umgang mit dem völkerrechtlichen Grundsatz der territorialen Integrität des NATO-Alliierten Dänemark!
Nachdem Dänemark mit Unterstützung der EU sich weigerte, den USA das völkerrechtlich zu Dänemark gehörende Grönland zu übergeben, steht also künftig die Drohung Trumps im Raum: „Wir werden uns daran erinnern — we will remember“.
2. Trump beschädigt die transatlantische Partnerschaft und die NATO.
Deutlicher brauchte Trump die transatlantische Partnerschaft und die NATO-Allianz nicht herabzusetzen. Nicht nur Trump, auch Europa wird sich erinnern …
Was das “we will remember“ bedeutet, stellte Trump auch klar: „What we have gotten out of NATO is nothing except to protect Europe from the Soviet Union and now Russia … But now what I’m asking for is a piece of ice, cold and poorly located that can play a vital role in world peace and world protection. It’s a very small ask compared to what we have given them for many, many decades.“ *1)
Und dann ging Trump so weit, die NATO-Bündnistreue der Alliierten zu bezweifeln: „But the problem with NATO is that, we’ll be there for them 100%, but I’m not sure that they be there for us. If we gave them the call, ‘Gentlemen, we are being attacked. We’re under attack by such and such a nation.’ I know them all very well, I’m not sure that they’d be there. I know we’d be there for them. I don’t know that they’d be there for us. So, with all of the money we expend, with all of the blood, sweat and tears, I don’t know that they’d be there for us. They’re not there for us on Iceland (RS: meint Grönland!), that I can tell you.“ *1)
Die durchsichtige Drohung Trumps heißt: So wie ihr mich im Stich lasst, könnten auch wir handeln, statt ständig für die NATO Opfer zu bringen. Eine Drohung Trumps, die in schamloser Weise den historischen Tatsachen Hohn spricht.
Bekanntlich ist der kollektive Beistand nach Artikel 5 des NATO-Vertrags bisher nur einmal in Anspruch genommen worden: Von der Regierung des republikanischen Präsidenten George W. Bush, als die USA am 11. September 2001 durch die Anschläge islamistischer Terroristen heimgesucht wurden, denen dreitausend Menschen zum Opfer fielen. Der Al-Qaida-Anführer Osama bin Laden soll unter dem Schutz der Taliban von Afghanistan aus logistisch und finanziell die Anschläge geplant und unterstützt haben. Nach ihm wurde sofort gefahndet, erst am 2. Mai 2011 haben ihn US-Soldaten auf Befehl des Präsidenten Barack Obama in Pakistan aufgespürt und erschossen. *2)
Die USA führten mit der sofortigen und solidarischen Hilfe Dutzender NATO-Länder nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 die Invasion (Operation Enduring Freedom) in Afghanistan an, um das Taliban-/Al Kaida-Regime zu stürzen. Im Dezember 2001 hatte der Sicherheitsrat der UN der von den USA geführten International Security Assistance Force (ISAF) das Mandat erteilt, die Übergangsregierung in Kabul unter Präsident Karzai bei der Stabilisierung des Landes zu unterstützen. Ab 2015 wurde der ISAF-Einsatz durch die Mission „Resolute Support“ abgelöst, um die afghanische Polizei und die Streitkräfte sicherheitspolitisch zu fördern, auszubilden und zu beraten.
Erst nach fast 20 Jahren verließen die Soldaten der USA und der beteiligten NATO-Länder, darunter Deutschland, ab Ende Juni 2021 Afghanistan. Im August 2021 übernahmen die Taliban die Regierung. Insgesamt hatte die Bundeswehr zwischen 2001 und 2021 durch mehrfachen Einsatz einzelner Soldaten rund 160.000 Soldaten nach Afghanistan entsandt. 62 Soldaten bezahlten den Einsatz mit ihrem Leben. *3) Etwa 500 erlitten physische oder psychische Wunden, die bis heute nachwirken. *4)
Soviel zu Trumps schändlichen Bemerkungen über die Treue der Partner zum NATO-Bündnis, als die USA am 11. September 2001 von Terroristen angegriffen wurden und den Beistand nach Artikel 5 anforderten.
3. Trump beleidigt Soldaten im Afghanistan-Einsatz.
Der hier stark verkürzte und vereinfachte Überblick zum Afghanistan-Einsatz bildet den Hintergrund für die wohl schäbigsten Bemerkungen Trumps, die er nach dem Grönlandstreit bei Fox News über den Einsatz europäischer und deutscher Soldaten in Afghanistan machte: *4)
- „We’ve never needed them. We have never really asked anything of them“.
- „And they’ll say they sent some troops to Afghanistan, or this or that. And they did — they stayed a little back, a little off the front lines.“
Zu 1.: Diese Unwahrheit zu unterschlägt, dass die republikanische US-Regierung des Präsidenten George W. Bush den NATO-Beistand nach Art. 5 forderte, dem NATO-Länder unter US-Führung unverzüglich Folge leisteten.
Zu 2.: Trump selbst hatte sich während des Vietnamkrieges dem Militärdienst durch “Knochensporne“ im Fuß entzogen, was Kritik wegen eines Gefälligkeitsgutachtens ausgelöst hatte. Dass dieser Sachkenner europäischen NATO-Soldaten, die in Afghanistan kämpften und starben, Drückebergerei vor Kampfeinsetzen unterstellt, hat das Urteil “unanständig“ von Verteidigungsminister Pistorius verdient!
4. Trumps Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) : Destruktiv gegen Europa. *5)
Die NSS von November 2025 behauptet zwar, Europas Stärke als alliierter Partner der USA wieder herstellen zu wollen. Tatsächlich jedoch soll vor allem die Europäische Union (EU) geschwächt werden. Denn Trump setzt auf bilaterale Beziehungen zu den Einzelstaaten, um diese mit Hilfe “patriotischer Parteien“ auf seinen außenpolitischen Kurs einzuschwören. (RS: Gemeint sind die rechtsextremen Parteien wie z.B. in Deutschland die AfD) *5)
- So wird von Trump & Co. der menschengemachte Klimawandel geleugnet, die Klimapolitik der Europäischen Union (EU) abgelehnt. Stattdessen heißt es in der NSS: „We reject the disastrous “climate change” and “NetZero” ideologies that have so greatly harmed Europe, threaten the United States, and subsidize our adversaries.“ (NSS S. 13f.)
- Der Europäischen Union (EU) wird in der NSS vorgeworfen, durch die Migrationspolitik Europa so zu verändern, dass es in weniger als 20 Jahren nicht mehr wieder zu erkennen sei. Schon jetzt führe diese Politik zu Konflikten und Streit, zu Zensur der Meinungsfreiheit und der Unterdrückung politischer Opposition (NSS, S. 24 f.). In der NSS heißt es: „We want Europe to remain European, to regain its civilizational self-confidence“. Die Erfolge in der Politik europäischer Länder, die demographisch notwendige Zuwanderung durch Integrationsmaßnahmen zu ergänzen, werden in der NSS nicht erwähnt.
- Ferner stellt die NSS fest: „This lack of self-confidence is most evident in Europe’s relationship with Russia … many Europeans regard Russia as an existential threat. Managing European relations with Russia will require significant U.S. diplomatic engagement, both to reestablish conditions of strategic stability across the Eurasian landmass, and to mitigate the risk of conflict between Russia and European states. It is a core interest of the United States to … reestablish strategic stability with Russia.“ (NSS, S. 25). Militärexperten in Europa sehen durch Putins Pläne belegte Anzeichen für kommende russische Aggression gegen NATO-Länder im östlichen Europa voraus. Strategische Stabilität mit Russland mag die Trump-Regierung anstreben, Europa muss sich dagegen auf strategische Bedrohung durch Russland vorbereiten.
- Die NSS stellt der amerikanischen Diplomatie die folgenden prioritäten Aufgaben: „American diplomacy should continue to stand up for genuine democracy, freedom of expression, and unapologetic celebrations of European nations’ individual character and history. America encourages its political allies in Europe to promote this revival of spirit, and the growing influence of patriotic European parties indeed gives cause for great optimism. Our broad policy for Europe should prioritize: Reestablishing conditions of stability within Europe and strategic stability with Russia; Cultivating resistance to Europe’s current trajectory within European nations“. (NSS S. 26 f.) Transatlantiker müssen konsterniert feststellen, dass Trump in der NSS seine „patriotischen“, pro-russischen Parteigänger in den Ländern der EU zum Widerstand gegen den politischen Kurs regierender Demokraten anstachelt.
Mit dem Urteil des großen britischen Autors zur internationalen Politik und Wirtschaft, Martin Wolf, über US-Präsident Trumps Nationale Sicherheitsstrategie (NSS 2025) sei dieser Beitrag über Trumps Verachtung für Europa abgeschlossen: *6)
„The new National Security Strategy of the United States of America has many strange features. But the strangest, and for Europeans the most disturbing, is that they alone are now seen as the only ideological enemies of the US. … Yet it is for Europeans, above all, that this new strategy is most significant. It shows that they are on their own in defending Ukraine. Worse, it shows that the US wishes to break the EU as an institution and put power into the hands of Trump’s and Putin’s lickspittles (= Speichellecker) … by helping today’s right-wing authoritarians, neo-fascists and Putin-admirers into power.“ *6)
Fazit: Europa und die EU werden von der Trump-Regierung so lange verachtet, bis es ihr gelingen werde, die “patriotischen Parteien“ — Trump’s and Putin’s “Speichellecker“ (Martin Wolf) — an die Regierungsmacht zu bringen.
Da bleibt Europas Demokraten nur, die transatlantische Zusammenarbeit mit US-Partnern zu verdoppeln, für einen Neubeginn, wenn Trump & Co. die Macht verlieren.
**) Viele Zitate dienen hier als Beleg für den schweren Vorwurf, dass Trump Europa verachtet. Sie sollten daher nicht in die deutsche Sprache übersetzt werden.
*1) FORUM IN FOCUS. Davos 2026: Special Address by Donald J Trump, President of the United States of America. Jan 21, 2026; https://www.weforum.org/stories/2026/01/davos-2026-special-address-donald-trump-president-united-states-america/ (Übersetzung RS).
*2) Siehe: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Langfristige Entwicklungen von 9/11; https://www.lpb-bw.de/11september
*3) Afghanistan-Dossier. Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr 2001-2021. Was bleibt? DATUM: 09.02.2024; https://zms.bundeswehr.de/de/mediathek/afghanistan-einsatz-bundeswehr-5732406. Zitat: „Die westliche Koalition verlor bei ihrem Einsatz in Afghanistan 3528 Soldaten, darunter 2378 amerikanische, 454 britische und 62 deutsche, nicht zu vergessen die 3814 US/United States-Contractors, die in Afghanistan ihr Leben verloren. Deutlich höher waren die afghanischen Verluste: 64124 Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte sind zwischen Oktober 2001 und November 2019 den Kämpfen zum Opfer gefallen, die Zahl der getöteten Gegner wird auf etwa 42100 Menschen geschätzt, während die 43074 zivilen Opfer einmal mehr einen Eindruck vom Charakter dieser Auseinandersetzungen vermitteln.“
*4) Germany, France, others rebuke Trump’s NATO troop disrespect. Mark Hallam with AFP, AP, dpa, Reuters. January 26, 2026; https://www.dw.com/en/germany-france-others-rebuke-trumps-nato-troop-disrespect/a-75666924
*5) President Donald J. Trump. The White House November 2025. National Security Strategy of the United States of America. November 2025; https://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2025/12/2025-National-Security-Strategy.pdf (Hervorhebungen RS).
*6) MARTIN WOLF. Opinion. US foreign policy. Trump’s war on Europe. American foreign policy now aims to help rightwing nationalists into power across the continent. 16.12.2025; https://www.ft.com/content/b17e6660-7722-4723-953b-2d72e7ec9292 (Hinweis: Martin H. Wolf, CBE (Commander of the British Empire), ist ein britischer Ökonom, Journalist und Publizist. Er ist Mitherausgeber und Chef-Kommentator der Financial Times und gilt als einer der weltweit einflussreichsten Wirtschaftsjournalisten. Wikipedia)